Der neblig-trübe November gilt als die Zeit der Depressionen. Sehen Sie das als Psychiatrie-Professor auch so?
Daniel Hell: Nein, so einfach ist die Sache nicht. Zwar fühlen sich viele Menschen antriebsärmer und müder, wenn die Tage kürzer und kälter werden. Das ist aber eine natürliche Reaktion, wenn die Sonne als Energiespenderin an Kraft einbüsst und der Mensch leichter verstimmbar ist. Eigentliche Depressionen treten im November aber nur bei einer kleinen Untergruppe, die auf Lichtmangel besonders anfällig ist, häufiger auf. Die Zahl der Eintritte in Kliniken oder ambulante Institutionen auf Grund von Depressionen ist jetzt aber kaum höher als in übrigen Monaten.
Was unterscheidet Depressionen von einem üblichen Stimmungstief?
Hell: Normales Deprimiertsein dauert nur kürzere Zeit an und ist weit weniger schwer. In einem wirklich depressiven Zustand büssen Betroffene so viel Energie und Antrieb ein, dass sie ihre täglichen Aufgaben gar nicht oder nur sehr mühsam erledigen können. Sie fühlen sich nicht nur deprimiert, sondern niedergeschlagen und verzweifelt.
Merkt man immer selber, wenn man eine Depression hat?
Hell: Ja, wenn man weiss, was eine Depression ist. Gerade in schwer depressivem Zustand werfen sich depressive Menschen aber manchmal vor, nicht krank zu sein, sondern die verdiente Strafe für ein eventuell längst vergangenes Unrecht zu bekommen. Bei leichteren Depressionen besteht die Gefahr, dass ein betroffener Mensch sein Problem verleugnet, weil „nicht sein kann, was nicht sein darf“.
Was soll oder kann man bei Depressions-Anzeichen tun?
Wenn sich jemand über Tage depressiv fühlt, ist es ratsam, sich mit einer vertrauten Person zu besprechen. Wenn die eigene Behinderung zunimmt oder gar Selbsttötungsideen auftreten, ist dringend zu einem Arztbesuch zu raten. Wird ärztlich eine Depression festgestellt, ist eine Therapie zu empfehlen.
Was sollen Angehörige tun, wenn sie eine Depression vermuten? „Reiss dichzusammen!“, ist wohl eher ungeeignet...
Hell: Wenn Angehörige solche Ratschläge erteilen, dann ist das zwar irgendwie nachvollziehbar, aber dennoch unglücklich. Die meisten depressiven Menschen überfordern sich nämlich. Sie neigen dazu, bei sich den Fehler zu suchen. Deshalb wirkt der Rat, sich zusammenzureissen, wie ein Schlag ins Gesicht. Depressive Menschen haben sich in der Regel schon zur Genüge – oft bis zur Erschöpfung – zusammengerissen.
Was ist denn die Alternative?
Hell: Das Wichtigste, was Angehörige tun können, ist zugleich das Schwerste: das Depressivsein des nahe stehenden Menschen zu akzeptieren und möglichst natürlich Anteil an dessen Veränderung zu nehmen.
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Letzte Änderung: 12.02.2007, 14:00 Uhr
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Stand: 12.02.2007, 14:00 Uhr
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