Angehörige

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Die Depression ist eine ernste Erkrankung, die eine enorme Belastung für die Patienten und ihr Umfeld darstellt. Angehörige können aktiv bei der Genesung helfen.

Über 50 % aller Deutschen leidet mindestens einmal im Leben unter einer depressiven Phase oder erkrankt an einer manifestierten Depression. Dabei sind Frauen mehr als doppelt so häufig von Depressionen betroffen wie Männer. Aktuell leiden mehr als 5 Millionen Menschen in Deutschland unter einer Depression, was nahezu 10 Prozent der Bevölkerung ausmacht. Allerdings ist es nicht immer ganz einfach, Depressionen bei Angehörigen sofort zu erkennen.

Depressionen sind keine Bagatellerkrankung

Erfahrungsgemäß neigen insbesondere Angehörige dazu, eine Depression bei einem Familienmitglied zu bagatellisieren. Dieser Zustand wird häufiger als „schlechte Laune“ abgetan oder mit einem Misserfolg im Leben des Betroffenen in Verbindung gebracht. Dabei steckt hinter einer Depression viel mehr als nur eine Zeitspanne, in der die Patienten einen Verlust oder Misserfolg verarbeiten müssen. 

Eine Depression ist zweifelsfrei eine Erkrankung, die je nach Schwere den Tod zur Folge haben kann. 

Damit ist nicht nur die Neigung zum Suizid gemeint. Es ist erwiesen, dass Depressive mit einem massiv gesteigerten Risiko leben, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden.

Das Gefühlsleben eines depressiven Menschen

Angehörige sollten wissen, wie es gefühlsmäßig in einem Depressiven aussieht. Stellen Sie sich vor, alle positiven Erlebnisse existieren nicht mehr, an jedem Tag ihres Lebens, rund um die Uhr.

Sie kennen nur noch Schuldgefühle, das Erleben von bitterer Einsamkeit, Selbstzweifel und tief verwurzelte Angst. Keine Liebe, Fröhlichkeit, Zärtlichkeit, keine Erfolgserlebnisse, kein Spaß, keine Zuneigung zu irgendjemandem und Sie werden selbst gravierenden Ereignissen gegenüber gleichgültig.

In der Folge leben an Depressionen leidende Menschen in einer dunklen, irrrationalen Gefühlswelt, die das gesamte Leben, jede Minute des Alltags bestimmt. Ohne das Erleben von positiven Gefühlen, ohne Inspiration, Zuversicht und sogar ohne Hoffnung vegetiert die Seele der Betroffenen dahin, wodurch sich zwangsläufig suizidale Gedanken formen. Deshalb benötigen Menschen mit Depressionen die Hilfe ihrer Angehörigen dringend.

Wie sich Depressionen im Alltag äußern

Bildet sich eine Depression aus, ziehen sich selbst lebensfrohe, realistisch denkende und dynamische Menschen aus dem sozialen Miteinander zurück und verkriechen sich in einem Schneckenhaus.

Ohne den Hintergrund der Depression zu kennen, wirken die Patienten auf Außenstehende:

Hinzu kommt, dass Depressive kaum mehr Wert auf ihr Äußeres legen. Dies ist eines der ersten Anzeichen für Depressionen und ein guter Weg, die Depression als solche zu erkennen.

Die Körperhygiene wird reduziert oder vollständig vernachlässigt. Die Kleidung ist wahllos zusammengestellt, bei schweren Depressionen auch verschmutzt oder beschädigt. Ein an Depressionen leidender Mensch stellt zudem die Nahrungsaufnahme ein oder isst nur noch gelegentlich, was naturgemäß mit einer erheblichen Gewichtsreduktion einhergeht. Zudem neigen Depressive dazu, sich wenn, dann extrem ungesund zu ernähren, was teils schwere Erkrankungen wie Diabetes nach sich zieht.

Zudem werden Menschen mit Depressionen vergesslich. Morgens wird das Frühstück zubereitet, aber kein Kaffee gekocht. Die Waschmaschine läuft, aber das Waschpulver wurde nicht eingefüllt. Beim Einkaufen werden Teile vergessen, obwohl eine Einkaufsliste dabei gewesen ist. Selbst der eigene Geburtstag oder der des Partners oder der der Kinder wird schlicht vergessen.

Ratschläge zum Umgang mit Depressiven für Freunde und Angehörige

Als Freund oder Angehöriger können Sie mit dem richtigen Verhalten und dem Treffen von Entscheidungen zur richtigen Zeit maßgeblich zur Genesung eines Depressiven beitragen. Grundregel dabei ist, dass Sie nichts von dem gefühlsmäßig annehmen, was Ihnen der Betroffene sagt. Unter Depressionen leidende Menschen sind oft zurückweisend oder verletzend, was aber der Erkrankung, nicht ihrer Natur zuzuschreiben ist. 

Geben Sie den betroffenen Menschen niemals auf, auch wenn dessen Zurückweisungen massiv sind und Sie eventuell sogar beleidigt oder verunglimpft werden.

Akzeptieren Sie eine Depression als Krankheit!

Depressionen beeinträchtigen die Stimmung des Betroffenen massiv. Wie ein Mensch gefühlsmäßig etwas erlebt und sein Verhalten verändern sich, werden auf den Kopf gestellt. Zudem leiden an Depressionen erkrankte fast immer unter massiven Schlafstörungen, die den psychologischen Zustand noch verschlimmern.

Beeinflusst wird ebenso der Appetit, genau wie die Sexualität. Ursächlich hierfür scheint eine Störung der Botenstoffe zu sein, die für die Kommunikation zwischen den zerebralen Nervenzellen zuständig sind.

Bei Depressionen ist ein Arzt zu konsultieren

Als Freund oder Angehöriger müssen Sie darauf drängen, dass der Patient einen Arzt aufsucht. Problem hierbei ist, dass Depressive ihre Erkrankung nicht als solche wahrnehmen und nicht glauben, dass ihnen geholfen werden kann. Alles was geschieht, beziehen sie auf sich und sind deshalb der festen Ansicht, sie selbst – und niemand anders – sei für ihren Zustand verantwortlich.

Vereinbaren Sie für ihren depressiven Angehörigen einen Arzttermin und begleiten Sie ihn dorthin. Oftmals fehlt den Betroffenen die Energie und Motivation, den Arzt aus eigenem Antrieb aufzusuchen oder sie halten den Arztbesuch für sinnlos.

Insbesondere bei Männern mit Depressionen kommt es vor, dass zur Erkrankung auch negative Gefühle wie Ärger gehören. Diese können sich in Wut umwandeln und dann in seltenen Fällen zu aggressiven Ausbrüchen führen. Ist die Gesundheit dritter gefährdet, sollten Sie beim Ordnungsamt ihrer Gemeinde vorstellig werden. Es ist ein schwerer Schritt, der wohl überdacht werden sollte. Aber im Zweifelsfall ist dieser Weg immer besser, als eine Verletzung in Kauf zu nehmen. Die Ordnungsämter haben die Befugnis, einen Depressiven zur sogenannten „Unterbringung“ zwangsweise in eine Psychiatrie einzuweisen, wo dem Patienten geholfen wird.

Dies gilt auch dann, wenn das depressive Familienmitglied Selbstmordgedanken äußert oder bereits den Versuch eines Suizid unternommen oder diesen vorbereitet hat. Notfalls können Sie sich an einen Richter beim örtlichen Amtsgericht wenden. Auch Richter haben die Macht, eine vorübergehende Unterbringung, sprich eine psychiatrische Zwangseinweisung anzuordnen. Denken Sie dabei immer daran, dass die fachmedizinische Therapie der erste Schritt zur Genesung ihres Angehörigen ist.

Bleiben Sie geduldig!

Zeigen Sie sich mit dem depressiven Patienten geduldig. Erwähnen Sie immer wieder, dass er unter einer Erkrankung leidet und dass diese mit gutem Erfolg behandelt werden kann.

Außerdem sollten Sie dem Depressiven Mut zusprechen. Sagen Sie Ihrem Familienangehörigen oder Freund, dass Sie immer für ihn da sind und ihm helfen, wo immer es möglich ist. Lassen Sie den Betroffenen so wenig wie möglich allein.

Noch wichtiger ist es, jeden Streit zu vermeiden. Versuchen Sie nicht, den Erkrankten davon zu überzeugen, dass seine Schuldgefühle grundlos sind.

Lassen Sie sich nicht auf Diskussionen darüber ein, ob seine negative Sichtweise „objektiv“ gerechtfertigt ist. Derartige Themen sind fruchtlos und unsinnig, weil der Patient ihnen nicht folgen kann.

Außerdem sollten Sie die dunkeln Gefühle des Depressiven und seine Ängste nicht als übertrieben darstellen oder bagatellisieren. Depressive Menschen dramatisieren ihr Leiden nicht. Es ist die Depression, die selbst leichte Schmerzen oder negative Gefühle so weit steigert, bis diese unerträglich werden.

Der wichtigste Grundsatz aber lautet: Wenden Sie sich nicht von Ihrem erkrankten Angehörigen ab, auch wenn er sich Ihnen gegenüber noch so abweisend oder gar verletzend verhält

Keine gut gemeinten Ratschläge aus der gesunden Welt für Depressive!

Fast alles, was Sie für normal und schön halten, wird von Menschen mit Depressionen vollkommen anders gesehen. Der Wochenendtrip mit Wellnesspaket führt zumeist dazu, dass die Patienten noch verstörter zurückkehren. Auch komfortable Urlaubsreisen sollten tabu sein, denn inmitten fröhlicher Menschen fühlt der Depressive seine innere Einsamkeit um so intensiver. Sogar ein romantischer Sonnenaufgang am Traumstrand wird verquer gesehen und führt zu verstärkten Depressionen.

Verlangen Sie von einem Depressionspatienten keine Selbstdisziplin. Sagen Sie ihm, er soll sich mehr zusammennehmen, verstärkt dies nur seine Schuldgefühle und stärkt seinen Glauben, er allein sei an seinem Zustand schuld. Aufmunterungen werden ebenso krankheitsbedingt missverstanden und als Gängelei angesehen. Aber Sie sollten den unter Depressionen leidenden Menschen immer dann unterstützen, wenn er Eigeninitiative zeigt.

Treffen Sie keine bedeutenden Entscheidungen!

Depressive sehen die Realität krankheitsbedingt vollkommen anders, als ein gesunder Mensch. Deshalb können sie keine Entscheidungen zu den Lebensumständen treffen. Ist die Depression überstanden, werden sie die Situation wahrscheinlich vollkommen anders beurteilen und würden demnach auch eine andere Entscheidung fällen.

Vermeiden Sie appellatives Verhalten

Bemerkungen wie: „Du bist doch früher gerne zusammen mit uns mit dem Rad gefahren“ oder gar wertend wie: „Das ist doch nicht zu viel verlangt“, sind absolut kontraproduktiv.

Achten Sie auf die Einhaltung von Routinen!

Bestehen Sie auf die täglichen Routineabläufe. Zur gleichen Zeit am Morgen aufstehen gehört dazu, selbst wenn wegen der Schlaflosigkeit die Nacht für den Depressiven extrem kurz war. Auch das Einhalten der Körperpflege, der Mahlzeiten und anderer Routinetätigkeiten sind wichtig.

Seien Sie jederzeit gesprächsbereit!

Sucht der Depressive von sich aus das Gespräch, nehmen Sie es an und diskutieren mit ihm darüber, was ihn bedrückt oder beschäftigt. Bleiben Sie in seiner Nähe, ohne ihm zu nahe zu treten. Die meisten Depressiven empfinden eine Überbehütung ebenso störend wie die Ignoranz ihrer Erkrankung.

Schonen Sie sich und ihre Kräfte!

Depressionen dauern oftmals viele Monate lang. Dies ist eine schwere Belastung für den patienten, aber auch für Sie als Angehörigen. Deshalb sollten Sie Ihre Belastungsgrenze kennen und diese niemals überschreiten. Verlieren sie ihre persönlichen Interessen nicht aus dem Blick. Gönnen Sie sich mehr und scharen Sie Ihre Freunde und die Familie um sich. 

Hilfe für Patienten und die Angehörigen von Depressiven gewähren auch die Sozialpsychiatrischen Dienste. Außerdem gibt es Tagesstätten für psychisch kranke Menschen.